Kadaver als Lebensspender: Ein neues Projekt im Berchtesgadener Land fördert Artenvielfalt und natürliche Zersetzung
Im malerischen Berchtesgadener Land gibt es bald eine spannende Neuerung, die nicht nur für Naturliebhaber von Interesse ist. Der Forstbetrieb Berchtesgaden der Bayerischen Staatsforsten plant, künftig verendete Tiere gezielt im Wald liegenzulassen. Ein Vorhaben, das sich, wie Forstbetriebsleiter Dr. Daniel Müller sagt, „ganz einfach mit den Worten zusammenfassen lässt: Die Landschaft braucht Kadaver.“ Klingt vielleicht erstmal ungewöhnlich, doch dahinter steckt ein wichtiges Ziel: die Förderung natürlicher Zersetzungsprozesse und der Artenvielfalt.
Die Kadaver sollen nicht einfach überall im Wald verteilt werden, sondern an Stellen, die für Spaziergänger nicht sofort sichtbar sind. Damit soll sichergestellt werden, dass die Schönheit der Natur nicht beeinträchtigt wird. Das Projekt erstreckt sich über ein riesiges Gebiet von rund 28.400 Hektar, vom Chiemgau bis ins Berchtesgadener Land. Hier könnten unter anderem verendete Biber oder Wildtiere, die bei Verkehrsunfällen ihr Leben lassen mussten, eine neue Aufgabe übernehmen.
Ein langfristiges Projekt
Das Vorhaben ist langfristig angelegt, und die Mitarbeiter wurden bereits geschult. Man hat bereits heute festgestellt, dass Unfallwild teilweise als Futter für majestätische Adler verwendet wird. Dr. Müller vergleicht die Situation mit dem Umgang mit Totholz: Tote Bäume werden seit Jahren im Wald belassen, weil sie ein wertvolles Habitat für viele Arten darstellen. Kadaver hingegen bieten nicht nur Nahrung, sondern auch Lebensraum für zahlreiche Organismen. Auch nach dem Zerfall von Fleisch und Weichteilen bleiben Mineralien und Strukturen zurück, die für spezialisierte Arten wichtig sind.
Die Zersetzung selbst verläuft bei Tieren deutlich schneller als bei Bäumen. Ein Rehkadaver kann im Sommer nach weniger als einer Woche so gut wie vollständig zersetzt sein. Im Nationalpark Bayerischer Wald beispielsweise werden seit 2018 Tierkadaver wissenschaftlich untersucht. Dabei hat man rund 6.000 Arten nachgewiesen, darunter 92 Käfer- und 97 Fliegenarten sowie viele Bakterien und Pilze. Solche Zahlen sind beeindruckend und untermauern die Relevanz des Projekts!
Einblick in die Forschung
Aktuell beschäftigt sich der Nationalpark Berchtesgaden seit 2023 intensiv mit dem Thema Kadaver und ist Teil eines bundesweiten Forschungsprojekts, das seit Oktober 2022 vom Bundesamt für Naturschutz gefördert wird. Hier arbeiten 13 Nationalparke zusammen, um die Bedeutung von Wildtierkadavern für Ökosysteme zu erkunden. Es soll herausgefunden werden, welche Rolle tote Tiere für die biologische Vielfalt, natürliche Prozessabläufe und die Nutzung durch verschiedene Organismen spielen.
Wusstet ihr, dass die Zersetzung von Totholz über Jahrzehnte geschieht, während ein Tierkadaver innerhalb weniger Wochen abgebaut wird? An dieser Stelle kommen die kleinen Helfer ins Spiel: Bakterien, Pilze, Fliegen, Aaskäfer und sogar größere Tiere wie Marder und Raben. Der Nationalpark Harz beispielsweise hat bereits beeindruckende Ergebnisse erzielt, bei denen an Rothirschkadavern 50 Käferarten festgestellt wurden! Was für eine Vielfalt!
Gesetzliche Rahmenbedingungen
Doch wie sieht es mit den rechtlichen Aspekten aus? Dank einer Verordnung von 2009 ist das Liegenlassen von Kadavern wieder rechtlich möglich, sofern kein Gesundheitsrisiko besteht. Natürlich müssen die Veterinärämter der zuständigen Landkreise die einzelnen Kadaverstellen genehmigen. Wo und wann genau die ersten Kadaver des Forstbetriebs ausgelegt werden, ist momentan noch offen.
Ein spannendes Projekt, das nicht nur die Artenvielfalt fördern soll, sondern auch das Bewusstsein für die Rolle von Kadavern in der Natur schärfen kann. Schaut man sich die Details genauer an, wird klar: Auch in der Natur ist nichts umsonst. Jedes Lebewesen, selbst nach dem Tod, hat seine Aufgabe und Bedeutung. Die Frage bleibt, wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Ist es nicht faszinierend, wie das Leben – und auch der Tod – miteinander verknüpft sind?
