Die Rückkehr des kleinen Künstlers: Kirchners Kindheitszeichnung erhellt Aschaffenburg
Es ist ein ganz besonderer Moment für Aschaffenburg: Eine Kindheitszeichnung von Ernst Ludwig Kirchner kehrt zurück in die Stadt, in der der berühmte Künstler das Licht der Welt erblickte. Kirchner, geboren am 6. Mai 1880, verbrachte die ersten vier Jahre seines Lebens in einem Haus, das über 140 Jahre alt ist und sich gegenüber dem Bahnhof befindet. In seinen Kindheitserinnerungen beschreibt er lebhaft das große Gartenparadies, das Ziehtor und die Kugellöcher, die ihn als Kind faszinierten und ihm gleichzeitig Angst machten. Diese Erlebnisse prägten nicht nur seine Kindheit, sondern auch sein künstlerisches Schaffen.
Und jetzt, nach 20 Jahren Wartezeit, wird die Rückkehr einer Zeichnung aus dem Jahr 1884 als „Sensation“ gefeiert. Thomas Schauerte, der Direktor der Aschaffenburger Museen, kann sich kaum zurückhalten, so groß ist die Freude über dieses Ereignis. Die mit Bleistift gezeichnete Lokomotive entstand im Kirchnerhaus – einem Ort, der für Kirchner von großer Bedeutung war. Brigitte Schad, die Leiterin des Kirchnerhaus Museums, holte das wertvolle Stück persönlich in der Schweiz ab. Ein wahrhaft bewegender Moment!
Ein Versprechen wird eingelöst
Die Geschichte der Rückkehr ist auch eine Geschichte von Versprechen und der Bedeutung von Erinnerungen. Eberhard W. Kornfeld, ein Sammler und Kenner von Kirchners Werk, hatte einst versprochen, die Zeichnung zu schenken, sobald das Kirchnerhaus saniert wird. Und das geschah: Die Sanierung des Gebäudes begann 2013, und 2014 wurde es als Museum eröffnet. Nach Kornfelds Tod erfuhren seine Erben von diesem Versprechen und entschieden sich, die Zeichnung tatsächlich an ihren ursprünglichen Ort zurückzubringen.
Kirchners Geburtshaus, das heute als Museum dient, hat die beiden Weltkriege fast unbeschadet überstanden. Die Architektur ist weitgehend im Originalzustand, und die Erinnerungen an seine Kindheit sind in den Wänden des Hauses förmlich spürbar. Es gibt einen dekorativen Balkon im Obergeschoss, der zum Träumen einlädt, und die großen Schaufenster im Erdgeschoss, die nach dem Krieg hinzugefügt wurden, geben dem Haus eine interessante Note. Kirchner selbst begann im zarten Alter von drei Jahren zu zeichnen – ein Weg, seine Ängste zu bewältigen. Man kann sich gut vorstellen, wie der kleine Ernst dort am Fenster saß, mit einem Bleistift in der Hand, während draußen die Welt vorbeizog.
Ein Blick in die Zukunft
Die zurückgekehrte Zeichnung wird zunächst im Depot aufbewahrt, aber die Vorfreude auf die monographische Ausstellung, die 2027 stattfinden soll, ist groß. Dort wird Kirchners grafisches Werk gewürdigt, und die Besucher haben die Möglichkeit, in die Gedankenwelt des Künstlers einzutauchen. Die Erzählungen seiner Amme über die Kugeleinschläge aus den Gefechten von 1866 oder 1869 werden dann sicherlich lebendig werden, wenn man die Werke Kirchners betrachtet und versteht, wie sehr diese Erinnerungen ihn geprägt haben.
Aschaffenburg hat also nicht nur einen Künstler hervorgebracht, sondern auch ein Stück Geschichte zurückgewonnen. Die Rückkehr der Zeichnung ist ein kleines, aber feines Kapitel in der großen Geschichte der Kunst und des Lebens. Und während die Stadt sich auf die bevorstehenden Feierlichkeiten vorbereitet, wird klar: Kirchners Geist weht hier noch immer, und seine Kunst hat nichts von ihrer Kraft und Faszination eingebüßt.
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