In Pfarrkirchen, einem beschaulichen Ort im Landkreis Rottal-Inn, wurde am vergangenen Wochenende ein ganz besonderes Jubiläum gefeiert: Anna Seiz beging ihren 100. Geburtstag. Ein Ereignis, das nicht nur die Familie, sondern auch die gesamte Gemeinde zusammenbrachte. Die Seniorin, die in Albersdorf im Sudetenland das Licht der Welt erblickte, hat im Laufe ihres Lebens viele Herausforderungen gemeistert und eine bewegte Lebensgeschichte, die von Flucht und Neuanfang geprägt ist.
Anna wuchs in einer großen Familie mit insgesamt acht Geschwistern auf. Schon im Alter von neun Jahren übernahm sie Verantwortung, indem sie auf ihre jüngeren Geschwister aufpasste. Die Umstände ihres Lebens änderten sich schlagartig, als die Familie 1943 nach Melnik umgesiedelt wurde und 1945 vor amerikanischen und englischen Tieffliegern fliehen musste. Die Flucht führte sie in Richtung Bayerisch Eisenstein, wo sie sich mit Waldfrüchten über Wasser hielt, bevor sie schließlich in Moorenweiß im Kreis Fürstenfeldbruck ankam. Dort arbeitete sie in einem Kindergarten, auf einem Bauernhof und als Hausmädchen bei amerikanischen Soldaten, bevor sie bis zur Rente im Büro des Flugplatzes Bitburg tätig war.
Ein Leben in Bayern
Nach vielen Jahren der Selbstständigkeit zog Anna 1994 zu ihrem Bruder Willi nach Bayern, später zu ihrer Schwester Mila nach Ulbering. Vor drei Jahren fand sie ihr neues Zuhause im Alten- und Pflegeheim St. Vinzenz in Pfarrkirchen. Hier verbringt sie ihren Alltag mit ihren Hobbys, dem Lesen und Stricken, und genießt täglich die frische Luft, während sie mit ihrem Rollator im Sinnesgarten spaziert.
Zu ihrem 100. Geburtstag erhielt Anna ein Ständchen und Blumen vom Heimleiter Jasenko Valjevac. Besondere Gäste wie Pfarrer Dr. Wolfgang Schneider und Bürgermeister Wolfgang Beißmann ließen es sich nicht nehmen, ihr persönlich zu gratulieren. Der Bürgermeister überreichte ihr nicht nur eine Urkunde der Stadt Pfarrkirchen, sondern auch einen Geschenkkorb, einen Blumengutschein und eine Flasche Wein. Sogar ihre Nichte Rosemarie Seiz-Schneider reiste extra aus dem Odenwald an, um diesen bedeutenden Tag mit ihr zu feiern. Die Vorsitzende des Heimbeirates, Gundula Rieger, gratulierte ihr mit einem wunderschönen Blumenstrauß, und auch beim Bingo spielen hatte Anna Glück.
Erinnerungen bewahren
Annies Lebensgeschichte ist nicht nur eine persönliche Erzählung, sondern spiegelt auch die Erfahrungen vieler Menschen wider, die nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland migrierten. In diesem Zusammenhang ist das Archiv der Flucht zu nennen, ein groß angelegtes Oral-History-Projekt, das sich der Bewahrung der Erinnerungen von Menschen widmet, die zwischen 1945 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier werden die Geschichten von Protagonist*innen aus 27 Ländern in neun verschiedenen Sprachen festgehalten. Diese Vielfalt an Erfahrungen zeigt die unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründe und trägt dazu bei, die deutsche Nachkriegsgeschichte lebendig zu halten.
So wie Anna Seiz, die durch ihre bewegte Vergangenheit und ihre Lebensfreude ein Beispiel für Resilienz und Zusammenhalt ist, erinnern uns diese Geschichten daran, wie wichtig es ist, die Erinnerungen zu bewahren und zu teilen. Ihr 100. Geburtstag ist eine Feier nicht nur ihres Lebens, sondern auch der vielen Geschichten, die das Fundament unserer Gesellschaft bilden.