Die Stadt Kempten und das Oberallgäu stehen vor einem bedeutenden Schritt in der Suchthilfe: Am 1. Januar 2025 startet das Modellprojekt „Stärkung der Suchthilfe in Kempten und im Oberallgäu“. Dieses Vorhaben wird vom Bezirk Schwaben finanziert und zielt darauf ab, die Lebenssituation von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen und Substanzabhängigkeit entscheidend zu verbessern. Die Initiative ist nicht nur eine Reaktion auf die steigenden Herausforderungen in der Region, sondern auch ein Aufruf zur Solidarität und Unterstützung für Betroffene.
Zu den geplanten Maßnahmen gehören der verstärkte Einsatz von Streetwork-Mitarbeitenden, die Einführung eines Beratungsmobils für das Oberallgäu und die Einrichtung einer Jugendsuchtberatung in Kempten. Der Caritasverband für die Diözese Augsburg wird für die Umsetzung des Projekts verantwortlich sein. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Jugendsuchtberatung im „Talk Inn“, wo geschulte Mitarbeitende Hepatitis-C-Schnelltests und Naloxon-Schulungen anbieten. Letzteres ist von zentraler Bedeutung, da es lebensrettend bei Opioid-Überdosierungen wirkt.
Beratungsmobil und Streetwork
Das Beratungsmobil, welches seit Mai 2025 im Einsatz ist, wird in Notunterkünften und im Rahmen der Streetwork Unterstützung bieten. Es wird auch steriles Material ausgeben, da Spritzentauschautomaten bisher keine Genehmigung erhielten. Um das Beratungsmobil zu betreiben, sucht die Caritas einen Arzt oder eine Ärztin, die Teil dieses wichtigen Projektes werden möchten.
Eine positive Entwicklung zeigt sich bereits in den Zahlen: Das Streetwork-Team in Kempten hat die Kontakte von 1.102 im Jahr 2024 auf 1.600 im Jahr 2025 erhöht. Auch die Besucherzahlen im Kontaktladen sind von 612 auf 837 innerhalb eines Jahres gestiegen. Diese Zahlen verdeutlichen den wachsenden Bedarf an Unterstützung und den Erfolg der bisherigen Maßnahmen.
Dringlichkeit der Maßnahmen
Die Notwendigkeit einer umfassenden Suchthilfe wird durch die alarmierenden Drogentodesfälle in der Region unterstrichen. Im Jahr 2016 gab es im südschwäbischen Raum insgesamt 16 Drogentodesfälle, davon vier in Kempten und drei im Landkreis Oberallgäu. Im ersten Halbjahr 2017 waren es bereits acht Todesfälle im Bereich des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West. Maria Schmelz, Diplom-Sozialpädagogin vom Talk Inn, hebt die lebensrettende Wirkung von Naloxon hervor und betont den Wunsch, dass dieses Medikament im Drogennotfall eingesetzt werden darf.
Erfreulicherweise hat die Mehrheit im Bayerischen Landtag, dominiert von der CSU, den Einsatz von Naloxon in Modellprojekten genehmigt, nachdem SPD und Grüne zuvor bereits auf diese Möglichkeit hingewiesen hatten. Diese politische Unterstützung ist entscheidend, um das Projekt in Kempten endlich zum Leben zu erwecken.
Wirtschaftliche Effizienz
Die Investition in die Suchthilfe zahlt sich aus: Laut einer Studie spart jeder in die Suchthilfe investierte Euro rund 17 Euro an Folgekosten, beispielsweise für Krankenbehandlungen, Arbeitslosigkeit oder Strafvollzug. Mit einem Gesamtumfang von 350.000 Euro ist das Projekt nicht nur eine Chance für die Betroffenen, sondern auch ein kluger wirtschaftlicher Schritt für die Region.
Insgesamt zeigt das Modellprojekt, dass Kempten und das Oberallgäu bereit sind, neue Wege zu gehen, um Menschen in Not zu unterstützen und die soziale Verantwortung ernst zu nehmen. Die kommenden Monate werden entscheidend sein, um die Weichen für eine erfolgreiche Umsetzung zu stellen und die Hilfsangebote nachhaltig zu verbessern.