In Iffigheim fand kürzlich eine eindrucksvolle Veranstaltung der Senioren-Union der CSU statt, die sich einem für viele Menschen brennenden Thema widmete: den Kirchenaustritten. Domkapitular Norbert Jung von der katholischen Kirche und der evangelische Dekan i. R. Heinz Haag traten in einen offenen Austausch über die Gründe, die viele Menschen dazu bewegen, den Kirchen den Rücken zu kehren. Immer mehr Menschen legen heutzutage mehr Wert darauf, ein guter Mensch zu sein, als einer bestimmten Konfession anzugehören. Diese ungebundene Haltung, gepaart mit dem Wunsch nach Freiheit von Erwartungen, steht für viele im Vordergrund, während das Gemeinschaftserlebnis in der Kirche ins Hintertreffen gerät.
Ein zentraler Punkt der Diskussion war die oft unzureichende Ansprache der Kirchenvertreter. Der Glaube, so wurde festgestellt, wird in vielen Familien nicht mehr aktiv gelebt. Die Menschen wünschen sich die Freiheit, individuell und eigenverantwortlich zu entscheiden, wo sie sich engagieren. In dieser Suche nach Alternativen zu den traditionellen Kirchen gewinnen kulturelle Angebote und andere Weltanschauungen zunehmend an Bedeutung. Die Kirchen verlieren an Sinnstiftung, was nicht nur zu einem Anstieg der Kirchenaustritte führt, sondern auch zu merklichen Einsparungen bei den Kirchensteuern.
Die Ursachen und Auswirkungen von Kirchenaustritten
Ein Blick auf die aktuellen Daten zeigt, dass Kirchenaustritte einen wesentlichen Faktor für die Säkularisierung in Deutschland darstellen. Laut der ALLBUS 2023, einer umfassenden Bevölkerungsumfrage, wurden zwischen April und September 2023 über 5.200 Personen befragt. Die Ergebnisse legen offen, dass rund 55% der Ausgetretenen zuvor Mitglied der EKD-Evangelischen Kirche und 41% der römisch-katholischen Kirche waren. Besonders auffällig ist, dass die Altersgruppe der 45- bis 74-Jährigen überproportional vertreten ist.
Die Ursachen für die Austritte sind vielschichtig. Über 80% der vormaligen Katholiken kritisieren die Unglaubwürdigkeit der Kirche, während 63% die Kirchensteuer als einen der Gründe für ihren Austritt angeben. Bei den ehemaligen EKD-Evangelischen sind es vor allem Kritik am Klerus und das Gefühl, dass keine Religion nötig sei, die sie zum Austritt bewegen. Diese Entwicklungen haben auch finanzielle Auswirkungen: Schätzungen zufolge hätte die Kirche ohne diese Austritte im Jahr 2023 rund 5 Milliarden Euro mehr an Kirchensteuern eingenommen.
Ein neues „Gemeinde-Bewusstsein“
Heinz Haag sieht dennoch Möglichkeiten für eine positive Wende. Er plädiert für ein neues „Gemeinde-Bewusstsein“ und betont die Notwendigkeit, aktiv über Konfessionsgrenzen hinweg zu gestalten. Dies könnte helfen, die positive Stimmung unter den über 60 Anwesenden der Iffigheimer Veranstaltung zu fördern, die von persönlichen Glaubenserfahrungen berichteten.
In einer Welt, die sich zunehmend von traditionellen Glaubensstrukturen entfernt, bleibt die Frage nach dem Sinn und Zweck von Gemeinschaft und Glauben zentral. Die Kirchen sind gefordert, sich neu zu erfinden und die Sprache zu finden, die die Menschen anspricht. Nur so können sie wieder relevant werden und die Menschen in ihrer Suche nach Sinn und Gemeinschaft erreichen. Es bleibt abzuwarten, ob und wie sich diese Herausforderungen in der Zukunft bewältigen lassen.