In Dachau gibt es einen Trachtenladen am Oberanger, der für viele zu einem festen Bestandteil der Stadt geworden ist. Melanie Ullmann führt diesen besonderen Ort, der 1972 von ihren Eltern gegründet wurde. Seit 2010 hat sie das Zepter in der Hand, doch die letzten Jahre waren alles andere als einfach. Eine chronische Krankheit, Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom (ME/CFS), hat ihr Leben und den Betrieb stark beeinflusst. Diese Erkrankung, die sie sich nach einer Covid-Infektion im August 2024 zugezogen hat, zwingt sie dazu, ihren Laden nur dreimal die Woche zu öffnen. Ein harter Schlag, besonders für jemanden, der mit Leidenschaft Trachten verkauft.
Melanie hat mit ihrer Gesundheit zu kämpfen – Herzmuskelentzündung und ständige Müdigkeit sind nur einige der Herausforderungen, denen sie sich stellen muss. „Ich hoffe, dass ich mit der Schließung des Ladens etwas mehr Zeit für meine Genesung finde“, sagt sie. Die Entscheidung, den Trachtenladen und auch die Schneiderei in Oberroth endgültig zu schließen, fiel nicht leicht. Der Ausverkauf bis zum 20. Juni 2026 ist ein letzter Akt, um den Kunden, die ihr über die Jahre ans Herz gewachsen sind, noch einmal zu begegnen.
Ein Stück Heimat geht verloren
Die Dachauer Tracht hat eine lange Tradition, und die Herstellung ist aufwendig. Ullmann produziert ihre Trachten nur auf Anfrage. „Jedes Stück erzählt eine Geschichte“, sagt sie und zeigt stolz auf die etwa 200 Dirndl, die sie zu Hause hat. Jedes Mal, wenn Kunden den Laden betreten, trägt sie ein anderes Dirndl. Es ist eine kleine, feine Art, die Vielfalt der Trachten zu präsentieren und gleichzeitig ein Stück Heimat zu bewahren. Die lokale Produktion ist rar geworden, was dem Ganzen eine besondere Note verleiht – in einer Zeit, in der Massenware oft die Oberhand hat.
In den 90er Jahren beschäftigte die Schneiderei bis zu 20 Mitarbeiter auf 400 Quadratmetern. Heute sind es drei Mitarbeiterinnen, darunter auch Verwandte, die Melanie tatkräftig unterstützen. „Wir haben ein festes Kundenklientel, sowohl aus Dachau als auch international“, erzählt sie. Das Vertrauen der Kunden ist spürbar, und es ist klar, dass die Trachten nicht nur Kleidung sind, sondern auch ein Stück Lebensgefühl vermitteln.
Ein Abschied mit Wehmut
Der Laden hat nicht nur einen festen Platz im Herzen der Dachauer, sondern ist auch ein Ort des Austauschs, des Feierns und der Tradition. Melanie hat in diesen Jahren unzählige Geschichten gehört, von Hochzeiten bis zu Volksfesten – jede Tracht ein Teil dieser Geschichten. Auch wenn die Schließung des Ladens eine große Lücke hinterlässt, ist da ein Funke Hoffnung, dass sie die nötige Zeit findet, um sich zu erholen und vielleicht eines Tages mit neuer Kraft zurückzukehren.
Der Trachtenladen am Oberanger wird fehlen. Die Vielfalt an Preisen macht es für jeden zugänglich, und die Liebe zur Tracht, die Melanie ausstrahlt, bleibt in der Erinnerung der Kunden. Auch wenn das Kapitel dieses Ladens zu Ende geht, bleibt die Dachauer Tracht in den Herzen der Menschen lebendig.