Am 27. Februar 2026 feierte das Staatstheater Augsburg die Premiere von Bertolt Brechts und Kurt Weills „Die Dreigroschenoper“. Unter der Regie von Sapir Heller eröffnete die Inszenierung das Brechtfestival und sorgte für Aufsehen. Die Handlung dreht sich um den Konkurrenzkampf zwischen Peachum, dem Oberhaupt der Londoner Bettelmafia, und dem Gangster Macheath, besser bekannt als Mackie Messer. Letzterer hat nicht nur gute Beziehungen zum Polizeichef Brown, sondern plant auch, Peachums Tochter Polly zu heiraten. Diese geschäftstüchtige junge Frau steht im Wettbewerb mit Browns Tochter Lucy und Mackies Ex-Geliebter Jenny.

Das Ensemble, das starke Leistungen sowohl im Gesang als auch im Spiel zeigte, wird angeführt von Thomas Prazak als Mackie Messer, Sebastian Müller-Stahl als Polizeichef Brown und Olivia Lourdes Osburg als Polly. Die Inszenierung setzt tierische Metaphern ein: Das Ensemble knurrt, winselt und bellt, während es tierähnliche Kostüme trägt. Diese tierische Darstellung symbolisiert den Überlebenskampf, wobei die Inspirationsquelle vor allem in der Welt der Hyänen zu finden ist. Die Kostüme von Slavna Martinovic sind von den 1960er und 70er Jahren inspiriert, mit zusätzlichen Elementen der 1930er Jahre, während das Bühnenbild von Anna van Lehn eine Drehbühne umfasst, die verschiedene Schauplätze wie Peachums ‚Schloss‘ und Jennys Bordell zeigt.

Kapitalismus und Korruption im Fokus

Die Inszenierung thematisiert nicht nur den Konkurrenzkampf, sondern auch tiefere gesellschaftliche Fragestellungen wie Korruption, menschliche Niedrigkeit und die kriminellen Grundlagen des Kapitalismus. Im Finale wird das Thema Kannibalismus aufgegriffen, und die Idee, dass die Bösen immer davonkommen, wird eindrucksvoll inszeniert. Allerdings wurde die Kapitalismuskritik in dieser Aufführung als zahnlos beschrieben. Viele Zuschauer bemängelten, dass die Verbindung zur Kapitalismuskritik fraglich blieb und die Inszenierung manchmal verspielt, albern oder gar fade wirkte.

Die musikalische Leitung lag in den Händen von Ivan Demidov, dessen Darbietung jedoch ebenfalls als enttäuschend empfunden wurde. Einige Solisten konnten die erforderlichen stimmlichen Konturen nicht erreichen, mit Ausnahme von Natalie Hünig. Auch der bekannte „Kanonensong“ wurde als verplätschert wahrgenommen. Die Interaktionen zwischen Ensemble und Orchester, wie etwa Mackie mit Dirigentenstab, blieben nicht unbemerkt, zeigten jedoch nicht die erwartete Intensität.

Brechts episches Theater im 21. Jahrhundert

Bertolt Brecht revolutionierte das Theater des 20. Jahrhunderts mit seinem Konzept des epischen Theaters. Ziel war es, das Publikum zum Denken zu bringen, anstatt es emotional zu vereinnahmen. Brechts Verfremdungstechnik, die Identifikation mit den Figuren verhindern soll, wird in dieser Inszenierung jedoch nicht durchgängig umgesetzt. Brecht verstand Theater als moralisches und politisches Werkzeug zur Sichtbarmachung gesellschaftlicher Missstände. Auch wenn Brechts Texte erst 2024 gemeinfrei werden, könnte die Inszenierung ab 2027 spannendere Ansätze zulassen, wenn Regisseure mehr Freiheiten haben.

Insgesamt bleibt die Frage, ob die Inszenierung von Sapir Heller, trotz ihrer kreativen Ansätze, den Geist von Brechts Werk einfangen konnte. Der kritische Blick auf Brechts Texte, insbesondere auf das antiquierte Frauenbild und rassistische Stellen, ist unerlässlich, um die Relevanz seiner Werke in der modernen Zeit zu bewahren. Die Inszenierung von „Die Dreigroschenoper“ bleibt daher ein spannendes, wenn auch umstrittenes Experiment im Theater.

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